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Leopold Strauss war ein angesehener jüdischer Bürger und Lehrer in Dinslaken. Er war bis 1927 Leiter der Fortbildungsschule in Dinslaken. In der Pogromnacht von 1938 überfielen und misshandelten SA-Männer (Sturmabteilung der NSDAP) den inzwischen 77-jährigen pensionierten jüdischen Bürger in seiner Wohnung auf der Duisburger Straße und zerschlugen das Mobiliar. Später setzten vom Unterricht befreite Schüler aus der Berufsschule (heute Berufskolleg Dinslaken) die Zerstörung fort. Dem damaligen Schulleiter Erich Hildebrand wurde vorgeworfen, diese Aktion unterstützt zu haben. Leopold Strauss wurde bei diesem antisemitischen Übergriff schwer verletzt. Er suchte Schutz bei seinen Kindern in Essen und verstarb 1939 an den Spätfolgen. Das Verfahren gegen den Schulleiter Erich Hildebrand fand erst 1954 vor dem Landgericht Duisburg statt. Hildebrand lebte nach dem Krieg in Rheinland-Pfalz, sein Verfahren war von dem Verfahren gegen die NSDAP-Kreisamtsleiter abgetrennt worden. Nach dem Delikt „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ konnte 1954 nicht mehr abgeurteilt werden, nur nach deutschem Recht. Hildebrand wurde freigesprochen, obwohl Belastungszeugen ihn ab 1945 schwer belastet hatten (Quelle: „Wo die Juden geblieben sind, […] ist nicht bekannt“ von Anne Prior). Das Bundesarchiv hat Leopold Strauss in seiner Liste aufgenommen, die den Menschen gedenkt, die der Verfolgung jüdischer Menschen unter nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 – 1945 zum Opfer fielen. Siehe auch: Das Bundesarchiv – Gedenkbucheintrag für Leopold Loeb Strauss |
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Die heutigen Schüler:innen des Berufskollegs zeigen ihre Betroffenheit angesichts der Gräueltaten an jüdischen Menschen und bekennen sich zu ihrer Verantwortung, das Bewusstsein für die Verbrechen des Holocaust zu schärfen und die Bedeutung der Erinnerungskultur zu bewahren. Eine Erinnerungssäule im Foyer des Berufskollegs Dinslaken hält das Gedenken an das Schicksal von Leopold Strauss wach und mahnt zugleich vor Antisemitismus, Rassismus und vor Gewalt. Das Kunstwerk wurde 2019, zum 80. Todestag von Leopold Straus, von Studierenden aus der Erzieher:innenausbildung unter Leitung des Hünxer Künstlers Manni Hallen geschaffen und an die Säule im Eingangsbereich des Schulgebäudes an der Wiesenstraße angebracht. Im Rahmen der internationalen Wochen gegen Rassismus in Dinslaken im März 2026 wird die Erinnerungssäule in einem Gemeinschaftsprojekt der Schüler:innenvertretung SV-BKDin und dem Hünxer Künstler Manni Hallen repariert und restauriert. |
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| Steiniger Weg:
In Gedenken an den November 1938, der Reichspogromnacht, folgen Schüler:innen vom Berufskolleg Dinslaken den Stationen der Stolpersteine in Dinslaken (Erinnerungen an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft) und lesen aus den jeweiligen Biografien vor. |
| Aus der Biografie von Leopold Strauss (Angaben ohne Gewähr. Anregungen oder Korrekturvorschläge bitte an presse@bkdin.de) Leopold Strauß wurde am 30. November 1861 im hessischen Storndorf geboren. Er wuchs in einer großen Familie mit zehn Geschwistern auf und war der Einzige von ihnen, der eine höhere Schule besuchte. Nach seiner Schulzeit entschied sich der junge jüdische Bürger für den Lehrerberuf. Nach einer höchstwahrscheinlich dreijährigen Ausbildung trat er mit nur 20 Jahren seine erste Stelle als Volksschullehrer im hessischen Battenfeld an. Dort gründete er auch eine Familie: Er heiratete Saly (Rosalie) Stern, und in Battenfeld wurden ihre Zwillinge Alfred und Siegfried geboren. Die Familie zog 1887 nach Dinslaken, wo Leopold Strauss die Stelle als Lehrer an der jüdischen Volksschule übernahm. Diese staatlich anerkannte Schule vereinte alle acht Jahrgänge in einem einzigen Klassenraum. Strauß unterrichtete dort vermutlich nicht nur das Fach Religion, sondern war – wie an vielen kleinen jüdischen Schulen üblich – für den gesamten Unterricht verantwortlich. Das Ehepaar bekommt noch zwei weitere Kinder. Richard Strauss, geboren 1894. Bertel Strauss, geboren 1900, ist das vierte Kind der Familie Strauss. Nebenamtlich unterrichtete Strauss am 1901 gegründeten Dinslakener Realgymnasium und erteilte dort ab 1903 den jüdischen Religionsunterricht. Auch an der ebenfalls 1901 gegründeten höheren Privat-Töchterschule arbeitete er als Religionslehrer. Schon 1903 wird er Lehrer an der Dinslakener Fortbildungsschule. Dabei handelte es sich um den Vorläufer der späteren Berufsschule. Dort erteilte er den Rechenunterricht. Ab 1907 leitete er die Fortbildungsschule, die sich unter seiner Regie weiterentwickelte und deren Schülerzahl beständig zugenommen hat. Seit 1921 trug sie den Namen „Berufsschule”. Leopold Strauss galt in Dinslaken als angesehener und geachteter Bürger. 1921 wurde er in den ersten Stadtrat gewählt, der nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht gebildet wurde, und wirkte fortan aktiv an der kommunalen Entwicklung mit. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1927 gehörte er dem Rat ohne Unterbrechung an und engagierte sich dort besonders im Wohlfahrtsausschuss. Leopold Strauss gehörte auch innerhalb der jüdischen Gemeinde zu den prägenden Persönlichkeiten. Als Lehrer der jüdischen Volksschule war er eng mit dem jüdischen Waisenhaus verbunden, dem einzigen seiner Art in der Rheinprovinz neben Köln. Obwohl das Kantorenamt zu seiner Zeit bereits vom Lehrerberuf getrennt war, spricht vieles dafür, dass Strauß aufgrund seiner Stellung und seines Ansehens auch im religiösen und organisatorischen Leben der Gemeinde eine wichtige Rolle spielte. Mit der Gründung des Central-Vereins (C.V.) in Dinslaken im Jahr 1919 übernahm Leopold Strauß das Amt des 2. Vorsitzenden. Der Central-Verein vertrat die Mehrheit der assimilierten, bürgerlich‑liberalen Juden in Deutschland, setzte sich für ihre Bürgerrechte und gesellschaftliche Gleichstellung ein und betonte die Vereinbarkeit von Judentum und Deutschtum. 1937 wird Strauß zudem als Vorsitzender des Landesverbands Rheinland‑Westfalen genannt. Saly Strauß starb 1934 und wurde in Dinslaken beigesetzt. Die Zwillinge Alfred und Siegfried führten inzwischen den eigenen Betrieb in Essen weiter, Bertel hatte geheiratet und eine eigene Familie gegründet. Richard fiel bereits im Ersten Weltkrieg. Leopold Strauß lebte nun allein in seinem Haus an der Duisburger Straße 100. Ein Zimmer hatte er an Josef Mundt vermietet. Dieser Josef Mundt gibt nach dem Krieg folgende eidesstattliche Erklärung ab: „Am 10. November 1938 morgens gegen 9 Uhr kamen zuerst 4-5 SA Männer ins Haus. … Sie gingen zu Herrn Strauss in die 1. Etage. Diese SA Männer fingen sofort an mit der Kaputtschlagerei, aber gingen nach ca. 20-30 Minuten wieder weg. Danach kamen 25 -30 Jungens, welche sofort anfingen, weiter alles kaputtzuschlagen. Herr Strauss erlitt bei dieser Aktion eine schwere Kopfverletzung.“ Aus den Erinnerungen an die Pogromnacht in Dinslaken berichtet Sophoni Yitzhak Herz, dass die Kinder des Waisenhauses auf den Schulhof unmittelbar neben der Synagoge getrieben wurden. „Dort fanden sich auch einige jüdische Frauen und Männer ein, darunter Leopold Strauss. Der pensionierte jüdische Lehrer Dinslakens, ein besonders würdig aussehender Greis (er war Stadtverordneter und Leiter der Handelsschule) saß stöhnend in einer Ecke. Sein Kopf blutete von den Schlägen, die ihm von den SA-Männern verabreicht worden waren.” Von der Schule aus wurde Leopold Strauß vermutlich ins Krankenhaus gebracht, wo ihn seine Enkeltochter Marianne Strauss fand. Leopold Strauß kehrte nach dem Überfall nie wieder in sein Haus an der Duisburger Straße 100 zurück. Er starb am 15. Juni 1939 in Essen bei seinem Sohn Alfred an den Spätfolgen der erlittenen Misshandlungen. Nicht mehr erleben musste er, dass 1942 seine Enkeltochter und ihr Ehemann und 1944 seine beiden Söhne Siegfried und Alfred mit ihren Ehefrauen sowie sein erst 18‑jähriger Enkel Richard in Auschwitz‑Birkenau ermordet wurden. |
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Berufskolleg Dinslaken | Öffentlichkeitsarbeit | presse@bkdin.de | März 2026

